Ein Unternehmer, dem die Ideen nie ausgingen

Im Jahr 1918 gründete Clas Ohlson die Fahrradwerkstatt und das Versandhaus Clas Ohlson & Co. 100 Jahre später ist das Unternehmen lebendiger und stärker denn je.

Die Firma Clas Ohlson ist genau wie ihr Gründer sehr kreativ und betriebsam, und heute wie damals basiert das Unternehmen auf der festen Überzeugung, dass ein zufriedener Kunde auch ein wiederkehrender Kunde ist.

„Was mir hier am meisten fehlt, sind Hering, Knäckebrot, Preiselbeeren und der Versandkatalog von Clas Ohlson.“ So schrieb einst ein schwedischer Auswanderer, der aus dem fernen Australien Ende der 1960er-Jahre einen Brief nach Insjön schickte. Bereits damals erachtete man das Familienunternehmen, das 2018 sein 100-jähriges Bestehen feiert, also als etwas typisch Schwedisches.

Clas Ohlson (1895–1979) wurde 1914 zum selbstständigen Unternehmer, als sein älterer Bruder während des Militärdienstes sein Leben verlor und er dessen Fahrradwerkstatt übernahm. Vier Jahre lang war er einer der meistgefragten Fahrradmechaniker der Stadt. Allerdings war es nicht die Fahrradwerkstatt „Spax kammare“, die dem damals knapp 20-jährigen „Erfinderhannes“ einen Platz in der Geschichte sichern sollte.

Die ersten Kunden fühlten sich durch eine Anzeige in der Zeitschrift „Triumf“ angesprochen: Aus der Annonce im Wert von 20 Kronen ergaben sich Bestellungen für 365 Kronen.

1918 gründete Ohlson gemeinsam mit seinem jüngeren Halbbruder Emil Pettersson, der die Druckerei unter sich hatte, die Firma „Clas Ohlson & Co“. In den ersten Jahren führte man die Fahrradwerkstatt fort, doch bald schon wurde sie zu einem Nebengeschäft, und die Kataloge mit Zeichnungen, Lehrmaterial, Handbüchern und Anleitungen verschafften der Firma ordentlich Aufschwung. Nach nur einem halben Jahr gingen die Brüder beide ihrer Wege, und Emil Pettersson sollte noch lange Zeit Clas Ohlsons Kataloge drucken. Der Zusatz „& Co“ blieb dem Firmennamen für viele Jahre erhalten.

Die ersten Kunden fühlten sich durch eine Anzeige in der Zeitschrift „Triumf“ angesprochen: Aus der Annonce im Wert von 20 Kronen ergaben sich Bestellungen für 365 Kronen. Technisch Interessierte konnten nicht nur Bücher bestellen, sondern sich auch einen reichhaltigen Katalog mit Do-it-yourself-Materialien zuschicken lassen. Clas Ohlson zufolge war seine Firma die erste in Schweden, die Lehrbücher an Privatpersonen vertrieb.

Mit den Katalogen bot Clas Ohlson der Landbevölkerung die Möglichkeit, Lehrmaterial und Übungszeichnungen zu erwerben; beispielsweise konnte man neben den Handbüchern „Der Elektrotechniker“ und „Die Schülerwerkstatt“ auch Trafozeichnungen bestellen. So konnten viele Ingenieure landauf, landab ihre ersten Experimente mithilfe der Literatur von Clas Ohlson durchführen. Doch nicht nur Technikfreaks wurden hier fündig. Unter der Rubrik „Bücher für Heim und Herd“ ergänzte man das Sortiment durch praktische Kochbücher wie Kaffeekränzchen und Kartoffelküchesowie den Ratgeber Die Kunst, dick zu werden.

Die Verhältnisse draußen auf dem Land waren häufig ärmlich, und die Leser nutzten schlichtweg das, was sie vorfanden. In den ersten Katalogen konnte man beispielsweise Zeichnungen für Holzschnitzarbeiten, Ruderboote, Küchen- und Gartenmöbel finden – Angaben zu den entsprechenden Werkstoffen gab es allerdings nicht. Die Wahl des Holzes war den Lesern überlassen, sie entschieden, ob sie Fichte, Buche oder Kiefer verwendeten. Bald vertrieb man auch Spielsachen, Werkzeuge und Hobbyartikel. Und das, was Clas Ohlson in Insjön vermisste, vermissten seiner Einschätzung nach vermutlich auch die meisten seiner Gleichgesinnten im ganzen Land. So kam es, dass sich Pinsel und Farben für den malenden Heimwerker ebenso schnell zum Verkaufsschlager entwickelten wie Bausätze, aus denen Technikfans ihre Kameras und Radiogeräte bastelten. Auch in den Städten wurden die Kataloge immer beliebter.

Blättert man heute in den über 100 Katalogen, die seit 1918 erschienen sind (manchmal gab es mehrere im Jahr), begibt man sich auf eine schwedische Zeitreise, die spannende Einblicke in die Erfindungen und Interessen des letzten Jahrhunderts bietet. So wurden unter anderem mit der Einführung des Urlaubsgesetzes mehr Freizeitartikel wie zum Beispiel diverse Zelte verkauft, in den 1970er-Jahren der TV2-Empfänger eingeführt und in den 1980ern eine große Waage angeboten, um ein eigenes Uhrwerk (!) zu bauen.

„Damals wie heute muss ein Unternehmen eine Bedingung erfüllen: dass es etwas zu bieten hat“, erklärte Clas Ohlson in einem Interview Ende der 1960er-Jahre.

Clas Ohlsons Gehirn arbeitete immer auf Hochtouren. Dass er nicht aus einem Fahrrad eine Zeitmaschine baute, ist ein größeres Mysterium, als dass er etwas schuf, was sich zum größten Versandhandel des Landes entwickeln sollte.

Über die Jahre gelang es ihm unter anderem, selbst eine Kamera zu bauen und mit den bedeutendsten Astronomen der Universität Uppsala seine Gedanken zur Rotation der Galaxien und zum Urknall zu diskutieren. Oftmals mündeten seine Ideen in ein Produkt im Katalog, wie es auch beim Vogelfutterspender aus Stahldraht der Fall war, der sich 250 000 Mal verkaufte. „Meine besten Ideen habe ich in der Kirche oder auf der Toilette“, meinte Clas Ohlson 1974 in einem Interview mit der Zeitschrift Aftonbladet.

Blättert man heute in den bisher erschienenen über 100 Katalogen, begibt man sich auf eine schwedische Zeitreise, die spannende Einblicke in die Erfindungen und Interessen des letzten Jahrhunderts bietet.

Aber wo nahm Clas Ohlson den Mut her, sich selbstständig zu machen? Als er 1918 seine Firma ins Leben rief, regte seine Mutter an, doch lieber eine Anstellung am örtlichen Sägewerk anzunehmen. Schließlich hatte er vor, in diesem Jahr seine Verlobte Elsa zu heiraten, und brauchte Geld, wenn er eine Familie ernähren wollte. Doch in Insjön hatten einige Jahre zuvor Johan Petter Åhlén und Erik Holm ihr Versandunternehmen Åhlén & Holm gegründet, wo auch Clas Ohlson gearbeitet hatte. Als diese Firma, die einmal Åhléns heißen würde, im Jahr 1915 ihren Sitz nach Stockholm verlegte, verschwanden 600 Arbeitsplätze – aber es hatte sich gezeigt, dass man in Insjön ein eigenes Unternehmen haben und mit einem Versandhandel erfolgreich sein konnte.

Außerdem waren in Insjön zahlreiche andere Firmen angesiedelt, zum Beispiel das Angel- und Sportartikel-Versandhaus Bröderna Tysklinds, das lange Zeit parallel zu Clas Ohlson tätig war. Mitte der 1960er-Jahre verschickte die Post in Insjön täglich über 1000 Pakete von den verschiedenen ortsansässigen Versandfirmen. Pro Kopf gerechnet war die dortige Postfiliale vermutlich eine der landesweit einträglichsten, betrug ihr Umsatz damals doch eine Million Kronen.

Zwar hatte auch sein Vater einige Zweifel bezüglich der Träume seines Sohnes, doch Clas war bereits nach der ersten Anzeige überzeugt davon, dass er auf dem richtigen Weg war. Und es sollte sich alsbald zeigen, dass er recht hatte. Über die Jahre wurde der Katalog immer dicker und in immer mehr Exemplaren gedruckt. Zum 50. Firmenjubiläum bot man gut 8000 Artikel an, zum Jahrtausendwechsel waren es 12 000. Die Firma ist kontinuierlich und kräftig gewachsen: von den ersten 25 Quadratmetern in „Spax kammare“ zu einem Unternehmen mit einem Umsatz von acht Milliarden Kronen, 5000 Mitarbeitern und über 200 Filialen in fünf Ländern.

Außer Frage steht, dass das Publikum immer zu schätzen wusste, was das Unternehmen zu bieten hatte. Dies bezeugen jede Menge lobender Briefe, die an „Clas Ohlson, Insjön“ gesendet wurden und erhalten geblieben sind. Anfang dieses Jahrhunderts gab es eine Zeit lang die Website clasohlsonfan.nu, die von einer Gruppe Enthusiasten und Stammkunden ins Leben gerufen wurde.

Das Unternehmen achtet seine Geschichte und legt Wert darauf, den berühmten Geist von Clas Ohlson zu bewahren. Man kümmert sich um die Seinen. Clas Ohlson selbst begrüßte zum Beispiel jeden Morgen alle Mitarbeiter per Handschlag, teilte Prämienobligationen aus und lud alle auf Firmenreisen ein, ob in die Alpen oder nach Kopenhagen.

Er war bis zu seinem Tod im Jahr 1979 leitend in der Firma tätig, auch wenn in seinen letzten Lebensjahren sein Sohn, der Ingenieur Tore Ohlson, die Geschäftsführung innehatte. Clas Ohlsons unermüdliche, nahezu kindliche Entdeckerlust trieb ihn sein ganzes Leben lang an. In einem Interview Anfang der 1970er-Jahre erklärte Clas Ohlson:

„Die Leute sagen, dass es sich bestimmt wunderbar anfühlt, wenn man es geschafft hat, aber ich habe ständig das Gefühl, dass ich gerne noch so unglaublich viel mehr machen würde und auch zu tun gedenke, bevor ich mich zurückziehe.“

Bei einem Interview in Insjön im Januar 2018 schildert Clas Ohlsons Enkelsohn Björn Haid, früher ebenfalls in der Firma tätig und ehemaliges Vorstandsmitglied, seine Gedanken über seinen Großvater und dessen Einstellung zum Unternehmen und seiner Entwicklung.

„Clas hat nie groß über die Zukunft nachgedacht. Wir sind einfach kontinuierlich gewachsen, und es wurde immer alles getan, um das Erklimmen der nächsten Stufe zu erleichtern. Er hatte stets die Firma Åhléns im Blick und war beeindruckt von ihrer Entwicklung. Ich glaube, es würde ihn umhauen, wenn er wüsste, dass wir heute mehr Filialen haben als sie.“

Text: Anders Landén, Redakteur beim Verein Zentrum für Unternehmensgeschichte (Stockholm, Schweden)

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